Traumatische Erfahrungen werden vor allem in den impliziten
Gedächtnissen gespeichert, der Neocortex (das explizite
Gedächtnis) bekommt leider nur Bruchteile mit, was vor
sich geht; die Entscheidungen laufen meistenteils automatisch
ab und lassen sich vom Verstand kaum noch steuern. Als Betroffener
ist wichtig zu wissen, dass dieses nicht mit dem Verstand beeinflusst
werden kann, sondern durch einen biologischen Mechanismus automatisch
abläuft. Die o.g. Hormone schalten die Funktionsweise des
Gehirns vollkommen um. Verstandes-Entscheidungen und -Bewertungen
sind in traumatisierenden Situationen körperlich nicht
mehr möglich. Soweit sie trotzdem stattfinden, haben sie
kaum Einfluss auf das Geschehen, weil die Kontrolle von den
impliziten Schaltkreisen übernommen wurde. Dies erklärt
auch die häufigen Berichte von Missbrauchten, dass sie
sich völlig gegen ihren Willen verhalten haben.
Die Dissoziation des Großhirns ist jedoch nicht der einzige
Effekt: Durch die Hormonausschüttung werden die Informationen
teilweise nicht mehr vorgefiltert, sondern gelangen uninterpretiert
und mit einer höheren "Bitrate" in die Amygdala
und die impliziten Gedächtnisse. Die dadurch entstehende
Reizüberflutung scheint einen Überlebensvorteil in
gefährlichen Situationen zu haben: die impliziten Gedächtnisse
suchen permanent nach Aus- und Fluchtwegen.. Dazu werden alle
Informationen aufgenommen, die erhältlich sind, auch scheinbar
nebensächliche Details. Diese werden nicht vom Großhirn
bewertet und interpretiert, sondern von den impliziten Gedächtnissen
in roher Form verarbeitet und dort gespeichert.
Dies erklärt nicht nur die hormonell bedingten Symptome,
sondern auch die bei Traumatisierten häufig beobachteten
dissoziativen Symptome: Das Nicht-Erinnerungsvermögen an
Trauma-Situationen wird dissoziative Amnesie genannt.
Die Abtrennung des Großhirns vom Nachrichtenfluss bewirkt,
dass keine oder nur wenige sinngebenden Bewertungen vorhanden
(bzw. physiologisch möglich) sind und auch kaum etwas im
expliziten Gedächtnis gespeichert ist. Da die impliziten
Gedächtnisse zustandsabhängig arbeiten, werden
die dort gespeicherten Informationen nach dem Ende der Lebensgefahr
nicht mehr aktiviert; sie scheinen "vergessen" (Amnesie).
Charakteristisch für die dissoziative Amnesie ist, dass
bewertete und sinnvolle Informationen im Großhirn kaum
bis gar nicht vorhanden sind, und auch noch so starkes Nachdenken
auf Verstandesebene nichts zu Tage fördern kann. Wer von
dissoziativer Amnesie betroffen ist weiß oft nicht von
der Existenz des Traumas; Informationen in den impliziten Gedächtnissen
werden dann wieder abgerufen (Flashbacks), wenn der Betreffende
mit traumarelevanten Reizen z.B. durch einen Auslöser (Trigger)
in Berührung kommt.
Die sowohl von Laien als auch von manchen Täter-Lobbyisten
geäußerte und verbreitete Ansicht, dass man sich
an so einschneidende Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch unbedingt
erinnern müsste, wird von der Trauma- und Dissoziationsforschung
grundlegend widerlegt. Deshalb sollte immer bei vorhandener
Amnesie überprüft werden, ob es sich um eine dissoziative
Amnesie handeln könnte.
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