Bei einer schweren Traumatisierung kommt es zu einer Entkoppelung
wichtiger Funktionsweisen der beiden Hemisphären des Gehirns.
Bei PET-Untersuchungen (PET = Positronen-Emissions-Tomographie)
an Traumatisierten zeigte sich ein charakteristisches Muster
der Gehirnaktivierung: Das Gehirn war während der (fragmentarischen)
Erinnerungen an das Trauma im Wesentlichen nur auf der rechten
Seite aktiviert. Dabei besonders Regionen, die für die
Verarbeitung von emotionalen Informationen, wie Amygdala, die
Insula, medialer Temporallappen und der rechte visuelle Kortex.
Gleichzeitig kam es zu einer signifikanten Abnahme der Aktivität
im Bereich der linken Frontalregion, dem Gebiet um das
Broca-Areal, einem Gehirngebiet, das die Übertragung von
Erfahrungen in kommunizierbare Sprache leistet. Die linke, überwiegend
analytische, sequentiell und kategorial verarbeitende, Worte
und Symbole gebrauchende Hemisphäre scheint unterdrückt
zu sein, während die rechte, überwiegend nonverbale
und ganzheitliche Hemisphäre zentral von Impulsen aus den
Strukturen der Amygdala, die emotionale Zustände, wie z.B.
Furcht verarbeiten, dominiert zu werden scheint. Traumatische
Erinnerungen erscheinen so für die Betroffenen häufig
als Erinnerungseindrücke ohne zeitliche Einordnung
("als wenn es gerade passiert") bei einer sich in
vielen Fällen nur langsam zurückbildenden Sprachlosigkeit,
die häufig Jahre und Jahrzehnte Beschwerden und Symptome
verursacht und einer weiteren Verarbeitung nicht zur Verfügung
steht, da die Erfahrungen vorsprachlich bleiben.
Bei einem Trauma scheint die reguläre Informationsverarbeitung,
die Verarbeitung und Integration belastender Emotionen ermöglicht,
unterbrochen und belastende und fragmentierte Erinnerungen bleiben
dort unbearbeitet gespeichert. Diese Erinnerungsfragmente tauchen
oftmals als verwirrende Flashbacks in verschiedenen Sinnesmodalitäten
auf (z.B. wird Brandgeruch, ausgelöst durch einen Trigger,
in einer "unpassenden" Situation wahrgenommen). ebenso
wie die häufigen Schwierigkeit von Traumatisierten eine
zusammenhängende Geschichte des Ablaufs erzählen zu
können.
Eine gefährliche Situation wird also zunächst in
der Amygdala festgestellt; was automatisch ohne Zutun des Großhirns
geschieht. Dann werden Hormone wie Glukokortikoide, Adrenalin
und Serotonin ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitschaft
versetzen und Energie-Reserven mobilisieren. Innerhalb des Gehirns
kommt es nun zu einer Umschaltung des normalen Datenflusses,
die die gesamte Funktionsweise des Systems grundlegend ändert:
Die Entscheidungsfindung durch den Neocortex wird unterbunden,
indem die Verbindungen zwischen Amygdala und Hippocampus unterbrochen
werden. Viele Informationen werden dadurch erst gar nicht an
das explizite Gedächtnis weiter geleitet, Reaktionen auf
die Gefahr werden fast ausschließlich von den impliziten
Gedächtnissen gesteuert. Diese Unterbrechung zwischen verschiedenen
Gehirnarealen wird auch Dissoziation genannt. Dissoziation
bedeutet wörtlich "Scheidung" oder "Trennung";
sie stehen nun nicht mehr miteinander in vollem Kontakt und
können teilweise unabhängig voneinander funktionieren.
Durch Unterbrechung der Hirnareale wird vor allem die Reaktionszeit
sehr beschleunigt, während der Neocortex zu einer angemessenen
Bewertung einige Sekunden benötigen würde, deshalb
kann Flucht oder Verteidigung sehr viel schneller durchgeführt
werden. Während dies früher in Urzeiten einen deutlichen
Überlebensvorteil hatte, kann dies bei Traumata wie sexuellem
Missbrauch fatale Folgen haben, angesichts der manchmal langen
Dauer solcher Traumata.
Wie man u.a. durch Tierversuche nachgewiesen hat, führen
schwere und häufig wiederholte Traumata zu einer dauerhaften
Unterbrechung von Nervenverbindungen (insbesondere zwischen
Amygdala und Hippocampus) und zu einer nachgewiesenen Schrumpfung
des Hippocampus. Der Hippocampus ist bei schwer Traumatisierten
nachweisbar kleiner als bei Gesunden, und einige seiner Verbindungen
zu den anderen Gehirnteilen sind teilweise unumkehrbar unterbrochen.