Im normalen Alltag geht dem menschlichen Großhirn ein
kontinuierlicher Strom von Sinnesdaten und Informationen zu.
Diese Informationen werden auf verschiedenen Hierarchieebenen
des Gehirns nach ihrer Wichtigkeit geordnet und entsprechend
gefiltert und ausgewählt. Von den vielen uns umgebenden
Sinnesdaten erreichen nur wenige das Bewusstsein, weil ständig
nachdrängende neue Sinnesinformationen alte überschreiben,
die wir, weil unwichtig, einfach vergessen. Für diesen
hier sehr vereinfacht dargestellten Prozess sind folgende Gehirnzentren
zuständig:
Der Thalamus (Stammhirn) ist eine Art "Schaltzentrale".
Es stellt Verbindungen zwischen den ankommenden Sinnesreizen
(vom Rückenmark, Sehnerv, Hörnerv, usw.) und den anderen
Gehirnteilen her.
Der Hippocampus, Teil des limbischen Systems, erzeugt
eine räumliche Karte der Umgebung (Orientierung), speichert
einfache Erinnerungen, und kategorisiert die Erfahrungen ähnlich
einer Skizze.
Die Amygdala (Mandelkern), ebenfalls ein Teil des limbischen
Systems, welches für die Verarbeitung von Emotionen und
Erinnerungen zuständig ist, dient als eine Art "Vorfilter"
für Sinneseindrücke, das "unwichtige" Sinneseindrücke
von wichtigen (überlebenswichtigen) unterscheidet und ihnen
eine Bedeutung zuordnet. Hier werden in einer sehr schnellen
Weise grundlegende Gefühle von Angst, Flucht und Kampfbereitstellungen
mobilisiert.
Das menschliche Großhirn (auch Neocortex
genannt) kann an dieser Stelle in seiner ganzen Funktion nur
sehr verkürzt wiedergegeben werden. Es ist größer
als bei fast allen anderen Tieren, entwicklungsgeschichtlich
jünger als andere Hirnteile und Sitz des normalen Alltags-Bewusstseins
und Alltags-Gedächtnisses. Man nennt dieses Gedächtnis
auch das explizite Gedächtnis oder narratives Gedächtnis,
weil es längere Szenen und Geschichten speichern und wiedergeben
kann. Es ist in der Lage, längere Ketten oder zeitliche
Folgen von Ereignissen oder Sinneseindrücken zu bewerten,
zu interpretieren, und ihnen einen Sinn zu geben. Das Großhirn
arbeitet wesentlich langsamer als alle anderen Gehirnteile,
dafür kann es aber auch wesentlich mehr (was nicht zuletzt
auch den Unterschied zwischen niederen Tieren und Primaten /
Mensch ausmacht). Die impliziten Gedächtnisse sitzen
in den evolutionsgeschichtlich älteren Teilen des Gehirns.
Sie speichern die vor-interpretierten Sinneseindrücke aus
der Amygdala und kategorisierte Erfahrungen aus dem Hippocampus
weitgehend uninterpretiert. Für jeden Sinneskanal gibt
es mehrere voneinander getrennte unabhängige implizite
Gedächtnisse: so gibt es beispielsweise eines für
Töne und Geräusche, eines für Gerüche, für
Farben und Formen, usw. Die Inhalte der impliziten Gedächtnisse
sind nicht zeitlich sortiert, sondern kategorischer Art wie
z.B. "Feuer = Verbrennungsgefahr". Es ist wichtig
zu wissen, dass diese nicht-zeitliche Interpretation auf relativ
niedriger Ebene stattfindet (wie bei Tieren) und einen "automatischen"
Charakter hat, und dass es unabhängig vom expliziten Gedächtnis
oftmals auch unbewusst abläuft.
Wichtig ist zu wissen, dass sowohl das implizite als auch das
explizite Gedächtnis die Kontrolle über Reaktionen
übernehmen können. "Automatisierte" Vorgänge
wie das Gleichgewichthalten beim Radfahren, das Kuppeln und
Schalten beim Autofahren, oder das Schreiben von Buchstaben
(nicht jedoch die Sinn-Inhalte des Geschriebenen) werden vom
impliziten Gedächtnis gesteuert; man kann dies daran erkennen,
dass die entsprechenden Vorgänge trainiert werden müssen.
Unter mittelschwerem Stress scheint eine stärkere Aktivierung
der Amygdala eine verbesserte Erinnerungsfähigkeit (des
Hippocampus) für die Informationen zu bewirken. Wenn nun
aber ein lebensbedrohliches Ereignis geschieht, wird dieser
kontinuierliche Fluss von Informationen zu ihren Verarbeitungszentren
u.a. durch eine Welle von Neurohormonen unterbrochen, die den
Organismus mobilisieren. Diese Neurohormone scheinen nach Untersuchungen
von Bremner et al. auch mit den wichtigen Symptomen der Traumafolgeerkrankungen
zusammenzuhängen:
Die adrenergen Systeme schütten Adrenalin und Noradrenalin
aus, das die Bereitstellungsreaktion für Kampf und Flucht
erhöht. Bei den Traumafolgeerkrankungen z.B. PTBS), werden
die adrenergen Systeme mit Ängsten, Übererregbarkeitssymptomatik
und den Zustandsabhängigen (s.u.) Erinnerungen, die an
der Flashback-Symptomatik beteiligt sind in Zusammenhang gebracht.
Die corticotropen Systeme schütten Cortisol und
CRH aus, das. bei den Traumafolgeerkrankungen mit Ängsten,
Hypervigilanz ("Überwachheit"), aber auch mit
der dauerhaften Schädigung von Nervenzellen, speziell im
Hippocampusbereich in Zusammenhang gebracht werden.
Die endogenen Opiate ermöglichen u. a. Analgesie
(Schmerzunempfindlichkeit), scheinen aber auch mit Phänomenen
der Dissoziation verbunden zu sein.
Dem dopaminergen System wird ebenfalls eine Beteiligung
am Hypervigilanzphänomen zugeschrieben und das serotenerge
System scheint an zustandsabhängigen Erinnerungen beteiligt
zu sein.