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"Weggetretensein", "nicht man selbst sein",
"neben sich stehen" oder "sich losgelöst fühlen"
- solche bekannte Redewendungen beziehen sich auf Zustände,
die jeder manchmal erlebt. Zum Beispiel, wenn wir uns stark konzentrieren
wie beim Sehen eines interessanten Filmes oder routinemäßig
handeln, etwa beim Autofahren: dann vergessen wir alles andere
um uns herum. Alle Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen, die
wir sonst gleichzeitig und stimmig erleben, sind sekundenlang
voneinander getrennt. Dieser Vorgang heißt "dissoziativ".
Das Spektrum an dissoziativen Zuständen ist breit und reicht
von harmlosen Alltagserscheinungen bis hin zu krankhaften Formen,
die als "dissoziative Störungen" beschrieben werden.
Sie beinhalten einen Verlust der psychischen Fähigkeit, das
gesamte Erleben und Handeln miteinander in Verbindung zu bringen.
Die Betroffenen empfinden nicht mehr die Ganzheitlichkeit der
eigenen Person.
Dissoziative Symptome können auch mit anderen psychischen
Störungen wie Phobie, Depression, Schizophrenie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung
auftreten.
Für dissoziative Phänome und Symptome wurde bis ins
20. Jahrhundert hinein der Begriff "Hysterie" gebraucht.
Heute ist dies veraltet und gilt als stigmatisierend.
"Dissoziative Störungen" werden als Oberbegriff
für sehr unterschiedliche Krankheitsbilder verwendet, die
isoliert oder kombiniert vorkommen:
Bei der "dissoziativen Amnesie" handelt es sich
um Erinnerungslücken an bestimmte Lebensereignisse oder Lebensphasen.
Bei der "dissoziative Fugue" entfernen sich die
Betroffenen plötzlich und unerwartet aus der gewohnten Umgebung,
können sich aber später nicht mehr daran erinnern. Im
Zustand des "dissoziativen Stupor" bewegen sich
die Betroffenen kaum oder gar nicht mehr. Sie sprechen fast nicht,
sind völlig inaktiv, reagieren nicht mehr, essen und trinken
nicht. Von "Depersonalisation" ist die Rede,
wenn das eigene Selbst als verändert, entfremdet und unwirklich
wahrgenommen wird. Das eigene Tun erscheint automatenhaft. Bei
der "Derealisation" wird die Umwelt als unwirklich
und fremd wahrgenommen. Bei "dissoziativen Krampfanfällen"
können Pseudo-epileptische Anfälle, Ohnmachten oder
Wutanfällen stattfinden, die mit Missempfindungen einhergehen.
Das wohl umstrittenste Krankheitsbild ist die "dissoziative
Identitätsstörung", besser bekannt als "multiple
Persönlichkeitsstörung". Dabei sind mindestens
zwei unterscheidbare Teilidentitäten in einem Individuum
vorhanden, die abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten
des Betroffenen übernehmen. Von diesen verschiedenen Persönlichkeiten
ist jeweils nur eine nachweisbar. Diese haben keinen Zugang zu
der Existenz oder den Erinnerungen der anderen.
Weiterhin gibt es "dissoziative Trancezustände",
die mit dem Verlust des persönlichen Identitätsgefühls
und der Umgebungswahrnehmung einhergehen, und "dissoziative
Besessenheitszustände", bei denen der Betroffene
überzeugt ist, von einer fremden Macht gesteuert und beherrscht
zu werden. Beim selten vorkommenden "Ganser-Syndrom",
ist das Vorbeireden und Vorbeiantworten des Betroffenen im Gespräch
auffallend.
Zur Funktion dissoziativer Störungen gibt es verschiedene
Erklärungsansätze. Gefühle und Erfahrungen, die
der Betroffene nicht ertragen kann und/oder nicht in sein Selbstbild
integrieren kann, werden abgespalten. Die Psyche versucht, sich
mit dieser Strategie selbst zu schützen. Verhaltenstherapeutische
Konzepte nehmen an, dass verschiedene Faktoren bestimmte Menschen
für diese Störungen anfällig machen. Zu diesen
Faktoren zählen eine genetische Disposition, eine erhöhte
Suggestibilität und frühe traumatisierende Erfahrungen
wie Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch. Dissoziationen
ermöglichen es dem Betroffenen, extreme Belastungssituationen
erträglich zu machen und zu verarbeiten. Ist der Betroffene
wiederholtem Stress ausgesetzt, so etabliert sich im Lauf der
Zeit ein Mechanismus, der automatisch abläuft und nicht mehr
nur auf konkrete psychosoziale Belastungen als Auslöser reagiert.
Dissoziative Störungen werden häufig falsch diagnostiziert
oder nicht erkannt, weil einerseits die Symptome denen neurologischer
Erkrankungen und der Borderline-Störung stark ähneln
und weil andererseits Dissoziative Störungen häufig
mit anderen psychischen Störungen zusammen auftreten.
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