Nachdem die Borderline-Persönlichkeits-Störung (BPS)
über mehrere Jahrzehnte von Klinikern häufig als Restkategorie
für diagnostisch oder therapeutisch schwierige Patienten
oder auch als subschizophrene Erkrankung aufgefasst wurde, ist
das Störungsbild in jüngster Zeit vermehrt auch neuroanatomisch
untersucht worden. Es wurde in den letzten Jahren damit begonnen,
bei BPS die Hirnareale zu untersuchen, denen eine Bedeutung
für die Auslösung und Regulation von Gefühlen
zugemessen wurde. So wurden bestimmte Bereiche des sog. Limbischen
Systems und Teile des Hirnes im Stirnbereich (neokortikale frontale
Strukturen), die eine zentrale Rolle für emotionale, motivationale,
kognitive (gedankliche) und motorische Verarbeitungsprozesse
spielen, untersucht. Auch die Fähigkeit zur sozialen und
emotionalen Selbstregulation wird dem Zusammenwirken spezifischer
frontaler und limbischer Areale zugesprochen. Mittlerweile zeigen
neuere Forschungsergebnisse, dass nicht nur Schädigung
des Gewebes frontaler und limbischer Strukturen (z.B. nach einem
Unfall) gravierende Persönlichkeitsveränderungen verursachen,
sondern dass auch chronischer Stress oder erhebliche Verwahrlosungserlebnisse
in der Kindheit zu einer Beeinträchtigung neurobiologischer
Reifungsprozesse und damit verbundenen kognitiven und emotionalen
Störungen führen können (Bohus, M. u. Schmahl,
C., 2006). So ergaben Untersuchungen an Tieren, die unkontrollierbarem
Stress ausgesetzt waren, Hinweise auf funktionale und strukturelle
neuronale Veränderungen im limbischen System. Dabei wurde
insbesondere eine Schädigung und Volumenverminderung der
Strukturen im Hippocampus. Der Hippocampus ist die zentrale
Schaltstation des limbischen Systems. Hier fließen Informationen
verschiedener sensorischer Systeme zusammen, die verarbeitet
und von dort zum Kortex zurückgesandt werden. Damit ist
er eminent wichtig für die Gedächtniskonsolidierung,
also die Überführung von Gedächtnisinhalten aus
dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis).
Es fanden sich Volumenreduktionen des Hippocampus bei Patienten
mit BPS gegenüber gesunden Kontrollgruppen um 16 %. Auch
das Volumen der Amygdala war um 8 % verkleinert (Driessen et
al., 2000). Die Amygdala oder der Mandelkern ist ein Kerngebiet
des Gehirns im mittleren Teil des Temporallappens. Sie gehört
zum limbischen System. Die Amygdala ist an der Entstehung der
Angst wesentlich beteiligt und spielt allgemein eine wesentliche
Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von
Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.
Diese Befunde decken sich mit den Ergebnissen anderer Arbeitsgruppen,
die ebenfalls Volumenreduktionen dieser Hirnareale bei Patienten
mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) fanden.
Da bei der Entstehung der BPS frühe Gewalterfahrungen
und unkontrollierbarer Stress eine zentrale Rolle spielen, kann
zumindest im Analogieschluss eine traumabedingte Störung
angenommen werden. Klinische Studien belegen die Bedeutung des
Lebensalters zum Zeitpunkt der Traumatisierung. Da die Hirnentwicklung
über die Pubertät bis weit in die Adoleszenz hineinreicht,
muss die Rolle von vulnerablen (verletzbaren) Entwicklungsphasen
für die Entstehung traumabedingter Persönlichkeitsveränderungen
in Betracht gezogen werden.
Es kommen aber noch weitere Befunde hinzu, die auf neuroanatomische
Besonderheiten hindeuten, die die Störung von Affektivität
und Impulskontrolle bei Patienten mit BPS erklären können.
Für die hohen Affektintensität einerseits und ein
verzögertes Abklingen von hochemotionalen Zuständen
andererseits finden sich in neuesten Untersuchungen an Patienten
mit BPS eine Hypersensitivität der Amygdala gegenüber
negativen Stimuli (Herpertz et al. 2001) im Vergleich zu gesunden
Frauen. Weiterhin finden sich neben der reizspezifischen Überreagibilität
der Amygdala auch ein zeitlich stabiler Hypometabolismus inhibitorischer
Strukturen, d.h. herabgesetzte Aktivität des präfrontalen
Kortex, der insbesondere für die Verarbeitung kognitiver
Prozesse zuständig ist, so dass diese kognitiven Prozessverarbeitung
nur unzureichend ablaufen und durch emotionale Stimuli immer
wieder unterbrochen werden. Hier können wieder Parallelen
zur PTBS gezogen werden, bei der das Trauma-Gedächtnis
dadurch gekennzeichnet ist, dass das Trauma nur ungenügend
in seinen Kontext von Zeit, Raum, vorangegangenen und nachfolgenden
Informationen und anderen autobiografischen Erinnerungen integriert
ist und durch spezifische Trigger leicht reaktiviert werden
kann.
Die anatomische und physiologische Forschung bei BPS-Patienten
mit neuen bildgebenden Verfahren begann vor ca. 20 Jahren und
hat eine enorme Zunahme an Studien erfahren, die ich an dieser
Stelle kaum alle wieder geben kann und empfehle der/m interessierte(n)
Leser(in) die ausführliche Lektüre des Handbuches
"Körper und Persönlichkeit" von Remmel,
Kernberg et al., das sich unten wiederfindet. Außerdem
verweise ich auf meine ausführliche Seite bezüglich
dem menschlichen Gehirn, seiner Funktionen und Veränderungen
nach einem Trauma hier auf meiner Homepage unter dem Link "Trauma
und EMDR"