In den Biografien vieler Betroffener findet sich bei deren
Eltern oder einem Elternteil selber eine Borderline-Störung.
Diese Eltern hatten wiederum große Probleme mit ihren
Eltern. Sie haben nur eine unzureichende Entwicklung zum Erwachsenen
gemacht und sind hinter ihrer Fassade bedürftige und unreife
Kinder geblieben, die versorgt werden wollen. Es kommt in diesen
Familien vor, dass diese Eltern ihren eigenen Kindern gegenüber
fordernd sind und ihnen Verantwortung und Sorge für sich
übertragen, so dass sich die Kinder um die Eltern kümmern,
statt umgekehrt. Solch ein "parentifizierendes" Verhalten
haben diese Eltern wiederum von ihren Eltern erfahren und geben
dies unhinterfragt weiter. In manchen Fällen kann dies
Extreme annehmen, so dass sich mittlerweile erwachsene Kinder
für ihre Eltern oder ihren Elternteil verantwortlich fühlen
und die Ablösung nicht oder nur unter großen Schuldgefühlen
stattfindet. Diese erwachsenen Kinder verbleiben weiterhin in
der symbiotischen, engen und abhängigen Beziehung zu ihren
(Kinder)-Eltern und haben Angst, die über Generationen
hinweg existierende dysfunktionale Familienregel aufzuheben.
Die Borderline-Eltern haben von ihren Eltern nie ausreichend
Verständnis, Empathie und Versorgung erfahren und somit
auch nicht gelernt, dies an ihre Kinder weiterzugeben. So entmutigen,
verzerren, vernachlässigen, misshandeln oder missbrauchen
Borderline-Eltern ihre Kinder genauso, wie sie es erfahren haben.
Sie verhalten sich egozentrisch, auf die eigenen Bedürfnisse
bezogen, konkurrierend ihren Kindern gegenüber, bis hin
zu Missachtung und Beschämung. So lernt das Kind, sich
überanzupassen, zu verleugnen, zu verstellen, und verliert
den Bezug zu seinen eigenen Bedürfnissen und zu sich selbst.
Es entwickelt sich immer mehr eine Als-ob-Persönlichkeit,
hinter der sich Leere, Gefühle der Sinnlosigkeit und Traurigkeit
befinden, weil ein großer Teil der Person geopfert wurde
um die Beziehung zu den Eltern zu erhalten. Dies erklärt
die oftmals bei Borderline empfundenen Leeregefühle und
Identitätsunsicherheit einerseits und wiederkehrende Scham-
und Unsicherheitsgefühle andererseits, die aus diesen zerstörerischen
Bindungsmustern und Einstellungen von den Borderline-Eltern
entstanden sind.
Wenn Borderline-Eltern im Umgang mit ihren Kindern überfordert
sind, neigen sie zu emotionaler Überreaktion, zu Angst
oder Unsicherheit und reagieren unangemessen. Sie beschimpfen,
entwerten, dämonisieren ihr Kind und beschädigen nachhaltig
damit dessen Selbstbild. Statt dem Kind zu helfen oder Vorbild
zu sein und angemessener Grenzsetzung beizubringen, wie es Gefühle
regulieren kann, oder Probleme angemessen lösen lernt,
versagen die Eltern im Umgang mit ihren eigenen Gefühlen
und Situationen. Aus Mangel an Selbstkritik - was wiederum Kennzeichen
ihrer Unreife ist - weisen sie eigenes Versagen von sich und
geben stattdessen den Kindern die Schuld für das Misslingen.
So entstehen verzerrte, negative Selbstbilder bei den Kindern:
"Ich bin schlecht. Ich bin eine schlechtes Kind. Ich bin
an allem schuld. Ich bin 'das Letzte. Mich kann man nicht
lieben. Ich bin böse, der Teufel, die Bestrafung Gottes.
Ich weiß nicht, wer ich bin, nur dass ich schlecht bin.
Ich bin verdammt", usw.
Gefühle "alleingelassen zu sein", stehen im
Zusammenhang mit dem Unvermögen von Borderline-Eltern,
in wichtigen Situationen als reife Erwachsene ihren Kindern
nicht zur Verfügung gestanden zu haben, zum Beispiel, wenn
diese deren Hilfe und Unterstützung benötigten oder
wichtige Lebensstationen begleiten sollten.
Borderline-Eltern tragen ihre ungelösten emotionalen Probleme
als inneres Chaos in sich und sind nicht im Stande, ihren Kindern
Wege aufzuzeigen, wie emotionales Chaos angemessen gelöst
werden kann.
Oftmals verstricken Borderline-Eltern ihre Kinder in ihre vorhandenen
Partnerschaftskonflikte und fordern deren Unterstützung
oder bedingungslose Loyalität ein, was für das Kind
ein unlösbares Problem ist, weil es diese Forderungen nicht
erfüllen kann und beide Eltern nicht verlieren möchte.
Borderline-Eltern weigern sich, angemessene Verantwortung für
sich, ihre Gefühle und Handlungen zu übernehmen. Sie
halten ihr eigenes Denken und Fühlen für richtig und
legitimieren ihr gestörtes Verhalten, indem sie die Schuld
dafür ihren Kindern geben. Selbst die Verantwortung für
selbstverletzendes und suizidales Verhalten wird entsprechend
rechtfertigt. "Du treibst mich soweit...". Es gibt
Eltern, die ihre Kinder damit regelrecht emotional erpressen.
Andere Eltern gehen nach Streit und Auseinandersetzung aus dem
Haus, sind stunden oder gar tagelang verschwunden und schüren
so Ängste und Schuldgefühle ihrer Kinder.
Zusammengefasst: Es besteht die Gefahr, dass Kinder von Borderline-Eltern
auf demselben infantilen Entwicklungsstand stehen bleiben. Durch
eine gezielte Therapie lässt sich dieser Entwicklungsrückstand
aufholen. Das zeigen viele positive Therapieverläufe bei
Patienten mit Borderline.
Literatur:
Lawson, Christine Ann: Borderline-Mütter und ihre Kinder:
Wege zur Bewältigung einer schwierigen Beziehung, Gießen
2006
Miller, Alice: Am Anfang war Erziehung, Berlin 1983