Die biosoziale Theorie nach M. Linehan postuliert eine Störung
der Emotionsregulation als das zentrale Problem der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Es wird angenommen, dass die Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen
durch eine Veranlagung und Umweltbedingungen sowie deren Wechselwirkung
während der (kindlichen) Entwicklung entsteht. Dieser Theorie
nach haben Menschen mit einer Borderline-Störung Schwierigkeiten
mit der Steuerung verschiedener, wenn nicht aller Gefühle.
Aufgrund hoher Verletzbarkeit und ungünstiger Strategien
entstehen vor allem Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen
Die Betroffenen haben den Umgang mit ihren Gefühlen nicht
richtig lernen können, weil dies ihnen in einem gleichfalls
ungenügenden Umfeld nicht ausreichend vermittelt werden
konnte. Linehan verwendet für diesen Mangel an Einfühlsamkeit
und Sensibilität oder in schlimmen Fällen, wie bei
sexuellem Missbrauch, völlige Verleugnung und Missachtung
der Bedürfnisse und Gefühle des Betroffenen, den Begriff
"invalidieren". Invalidieren bedeutet eigentlich ungültig
machen und in diesem Zusammenhang am ehesten die Gefühle
des Betroffenen nicht ausreichend würdigen, ernst nehmen,
missachten, verdrehen.
Solch eine invalidierende Umgebung trägt zur emotionalen
Dysregulation bei, indem sie versäumt, dem Kind beizubringen,
wie es Erregung benennen und regulieren und emotionale Spannungen
aushalten kann. Weiterhin hat das Kind so nicht die Möglichkeit,
zu lernen, sich auf seine eigenen Gefühle zu verlassen
und diesen zu vertrauen, dass diese Gefühle angemessen
und passend sind.
In der invalidierenden Umgebung muss das Kind ständig
nach Hinweisen suchen, wie es zu handeln, und zu fühlen
hat, und lernt so schließlich seine eigenen Erfahrungen
selbst zu invalidieren. Es entfernt sich damit aber immer mehr
von seiner eigenständigen Wahrnehmung seiner Gefühle
und überlässt es immer mehr anderen, seine Gefühle
und Wahrnehmung zu benennen.
Hierzu Betroffene wie sie selber ihre Identitätsstörung
beschreiben: "Ich kann mir mein eigenes Ich' nicht
glauben. Ich möchte das endlich sein können. Aber
spätestens, sobald ein anderer Mensch da ist, verlier´
ich die Verbindung zu mir. Als ob die geballte Gegenwart eines
anderen Menschen dieses Ich' sofort sich auflösen
oder zurückziehen lässt. Und dann habe ich wieder
nur das Gefühl zu spielen, getrennt zu sein, riesige Distanzen
und Wände durchdringen zu müssen- und der andere ist
irgendwie eine Übermacht.
Warum kann ich mir nicht trauen, glauben? Warum weiß ich
nie, was echt ist, was wahr ist? Ständig ist es so, als
wäre ich lauter verschiedene Ichs'. Oder mehrere
in mir... aber keines ist wirklich. Weil vieles, was ich mir
vorstelle, was ich vielleicht tun möchte, nur in der Fantasie
besteht. Oft, während ich alleine bin, bin ich ständig
mit solchen Gedanken beschäftigt,... um eigentlich eine
Leere zu verbergen.
Ich lebe so, als müsste ich ständig mein eigenes Dasein,
meine Stabilität, neu erschaffen oder aufrechterhalten,
neu ausdenken. Wie wenn man einen Damm, der laufend umspült
und abgetragen wird, ständig aufrechterhalten, absichern
muss."
Und das Gefühl fehlender Autonomie drücken Betroffene
wie folgt aus: "Kein Kern-Ich'; lauter andere, die
mein Gehirn benutzen; kein Zugriff auf irgendwelche Fähigkeiten;
aufgesplittet; bin ich ohne ein menschliches Gegenüber
(in der Fantasie), auch selbst nicht da. Eigentlich fühle
ich mich ständig von innen und von außen bedroht."