Diagnose
Man sollte bei der Diagnose der Borderline-Störungen eine
mögliche Bedeutung von sexuellem Missbrauch unbedingt in
Betracht ziehen. Eine der traumatischsten Erfahrungen in der
Kindheit ist sexueller Missbrauch. Aufgrund zahlreicher wissenschaftlicher
Untersuchungen wird angenommen, dass bis zu 75% der Menschen
mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung irgendeine
Form von sexuellem Missbrauch in der Kindheit erlebt haben.
Das häufige Vorkommen eines solchen Missbrauchs scheint
Borderline-Klientinnen von anderen Störungsgruppen zu unterscheiden.
Die Forschung weist deutlich darauf hin, dass sexueller Missbrauch
in der Kindheit ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung
der Borderline-Störung ist.
Therapie
Die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) ist ein von
Marsha M. Linehan, einer amerikanischen Professorin für
Psychologie und Verhaltenstherapeutin an der Universität
von Seattle in Washington entwickeltes Therapiemodell und -konzept
zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Die Behandlungsmethode wird sowohl im Rahmen stationärer
als auch ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Arbeit
angewandt.
Grundlagen
In der Dialektisch-behavioralen Therapie werden Techniken von
der Verhaltenstherapie, der Gesprächs- und Hypnotherapie
übernommen. Insbesondere wird darin eine bestimmte Art
von bewusster Selbstwahrnehmung aus der östlichen Philosophie,
z.B. die "innere Achtsamkeit" übernommen. DBT
wurde als ambulante Therapieform entwickelt und besteht im Wesentlichen
aus den vier Therapiebausteinen
- Einzeltherapie
- Fertigkeitentraining in der Gruppe
- Telefonkontakt im Notfall und regelmäßige Intervision
der Therapeuten.
- Inzwischen wurde die DBT nicht nur auf stationäre Behandlungsformen
adaptiert, sondern auch für verschiedene Patientengruppen
(Jugendliche, Patienten mit Essstörungen, im Strafvollzug
und so weiter).
In der Einzeltherapie werden die Problembereiche hierarchisch
im Sinne der Dringlichkeit geordnet. An oberster Stelle stehen
suizidales und parasuizidales Verhalten, gefolgt von therapiegefährdendem
Verhalten, Beeinträchtigungen der Lebensqualität und
der Verbesserung von Verhaltensfertigkeiten. Die Problemfelder
werden in dieser Reihenfolge bearbeitet. Wenn notwendig, wird
sofort wieder auf eine höhere Ebene zurück gegangen.
Der Einzeltherapeut versucht eine Balance zwischen Validierungs-
(Verstehen und Wertschätzen des Problems) und Veränderungsstrategien
zu finden ("dialektische Strategie", Linehan, 1996).
Hierfür werden Interventionen aus der kognitiven Verhaltenstherapie,
der Hypnotherapie, humanistischen Therapien und dem Zen eingesetzt.
Grundlage ist eine tragfähige therapeutische Beziehung.
Methode
Einzeltherapie:
Besondere Rolle bei der Behandlung von BPS-Patienten
kommt der therapeutischen Beziehung zu, da diese Patienten mehr
als andere zu voreiligen Therapiabbrüchen, schwierigem
Agieren, extremen Negativismus usw. neigen, insbesondere durch
ihre diversen Problemen im emotionalen als auch zwischenmenschlichen
Bereich und entsprechendem Mangel an geeigneten Bewältigungsformen.
Zwischen den Patienten und Therapeut/Klinik wird ein sog. "Commitment"
(dt: Verbindlichkeit) hergestellt. Die Patienten verpflichten
sich zur Mitarbeit und Einhaltung von Regeln und Abmachungen,
der Therapeut verpflichtet sich zur bestmöglichen Hilfestellung.
Das Commitment wird regelmäßig während der Therapie
geprüft und ggf. erneuert oder modifiziert (erweitert).
Die Patienten führen eine Tagebuchkarte, in die Medikamenteneinnahme,
Spannungszustände, Drogenkonsum und dysfunktionale Verhaltensweisen
einzutragen sind. Durch Verhaltensanalysen sollen die Betroffenen
Einsicht in den Spannungsaufbau erhalten und lernen, das im
Fertigkeitentraining Gelernte in Handlungspläne einzubauen.
Nach selbstverletzendem Verhalten oder Suizidversuchen werden
die Patienten gebeten, solche Analysen selbst anzufertigen.
Voraussetzung für die eventuelle Bearbeitung eines Traumas
in einem zweiten Therapieabschnitt ist, dass die Patienten gelernt
haben, emotionale Krisen, Spannungszustände und Dissoziationen
selbst durch die gelernten Fertigkeiten zu regulieren. Die Traumabearbeitung
erfolgt durch Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie
und durch Expositionsstrategien.
Fertigkeitentraining in der Gruppentherapie:
(Die Fertigkeiten können natürlich ebenso in einer
Einzeltherapie vermittelt werden).
"Das Fertigkeitentraining ist der Ton, aus dem die Einzeltherapeutin
und Patient/in eine Figur modellieren können" (Linehan,
1996). Damit ist gemeint, dass die in der Gruppe gelernten Fertigkeiten
in der Einzeltherapie in die erarbeiteten Verhaltensanalysen
und Handlungspläne eingebaut und zu einem sinnvollen Ganzen
verbunden werden. Die Gruppe wird von zwei Therapeuten geleitet.
Das Fertigkeitentraining hat Workshop-Charakter, Gruppendynamik
wird nur soweit wie notwendig thematisiert. Der Schwerpunkt
liegt auf dem Lehren von Fertigkeiten. Interaktionelle Probleme
werden "DBT-mäßig" durch das Anwenden von
Fertigkeiten gelöst. Kritik und Anregungen seitens der
Teilnehmer sind ausdrücklich erwünscht, eine experimentell-partnerschaftliche
Atmosphäre soll entstehen.
Das Fertigkeitentraining findet wöchentlich statt und
besteht aus den vier Modulen:
- Innere Achtsamkeit
- Zwischenmenschliche Fertigkeiten
- Umgang mit Gefühlen und
- Stresstoleranz , die insgesamt 12 bis 20 Sitzungen in Anspruch
nehmen.
Im Modul Innere Achtsamkeit lernen die Patienten die
Fertigkeiten Wahrnehmen, Beschreiben, Teilnehmen, sowie ein
nicht bewertendes, konzentriertes und wirkungsvolles Denken
und Handeln. Hier sind die Zeneinflüsse unübersehbar.
Ziel ist, mehr Bewusstheit und Steuerungsmöglichkeiten
im Alltag über sich selbst zu bekommen. Teilnahme und Distanz,
Gefühl und Verstand sollen miteinander in Einklang gebracht
werden.
Das Modul Zwischenmenschliche Fertigkeiten vermittelt
die Basisfertigkeiten Orientierung auf ein Ziel, Orientierung
auf die Selbstachtung und Orientierung auf die Beziehung. Faktoren,
die die soziale Kompetenz beeinträchtigen und solche, die
sie fördern, werden identifiziert. Förderliche Selbstaussagen
werden erarbeitet. Ziel ist, dass Patienten auf eigenen Wünschen,
Zielen und Meinungen bestehen können und dabei sowohl von
anderen Menschen respektiert werden, als auch die eigene Selbstachtung
aufrechterhalten.
Im Programmteil Umgang mit Gefühlen wird vermittelt,
dass Gefühle (auch solche, die als unangenehm erlebt werden)
eine Funktion und eine Bedeutung haben. Fertigkeiten wie Beobachten,
Beschreiben und Verstehen von Gefühlen, Verwundbarkeit
verringern, Schritte in Richtung angenehmer Gefühle tun,
emotionales Leiden loslassen und dem Gefühl entgegengesetzt
handeln werden besprochen und geübt. Ziel ist, Gefühle
in ihren Bedeutungen und Auswirkungen verstehen und akzeptieren
zu lernen. Das Vertrauen in die eigene Gefühlswelt soll
erhöht werden.
Im Programmpunkt Stresstoleranz lernen die Patienten,
Krisen auszuhalten und Spannung zu reduzieren durch Techniken
wie: sich durch starke sensorische Reize ablenken (z.B. Eiswürfel),
durch verschiedene Techniken "den Augenblick verbessern",
"Pro und Contra" (welche Argumente sprechen für
selbstverletzendes Verhalten, welche dagegen), Akzeptieren der
Realität, Atemübungen, "leichtes Lächeln"
und Achtsamkeitsübungen. Ein weiteres Ziel ist, zu lernen,
unangenehme Ereignisse und Gefühle zu ertragen, wenn sich
die Situation nicht verändern lässt ("Radikale
Akzeptanz").
Die Patienten werden angeleitet, sich einen individuellen "Notfallkoffer"
einzurichten, in dem wichtige Hilfsmittel für Stresstoleranz-Fertigkeiten
aufbewahrt werden. Kärtchen, auf denen die hilfreichsten
Fertigkeiten eingetragen sind, sollten die Patienten bei sich
tragen. Die Patienten erhalten außerdem Formulare, auf
denen die gelernten Fertigkeiten eingetragen sind und protokollieren,
welche Fertigkeiten sie mit welchen Erfolg geübt haben.
Telefonkontakt
Patienten können in suizidalen Krisen, oder bevor sie
sich selbst verletzen, ihre Therapeuten anrufen. Die telefonische
Erreichbarkeit muss mit dem Therapeuten vorher geklärt
werden und richtet sich auch nach den Grenzen der Therapeuten.
Die Telefongespräche sollen nach bestimmten Regeln ablaufen.
Die Patienten berichten, warum sie sich in einer Krise befinden
und welche Fertigkeiten sie bereits ausprobiert haben. Therapeut
und Patienten besprechen Fertigkeiten, die die Patienten einsetzen
sollen. Dazu ist es hilfreich, wenn die Patienten gelernte Fertigkeiten
benennen können.
Verletzen sich die Patienten selbst, oder begehen sie einen
Suizidversuch, sollte dies nicht durch vermehrte Zuwendung verstärkt
werden, was nicht leicht zu realisieren ist. Ziel ist, dass
die Patienten im nachhinein Verhaltensanalysen dieser Situationen
anfertigen.
Deutlicher Therapieerfolg der DBT
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) hat in bisher vorliegenden
prospektiven randomisierten (ausgewählte Langzeitstudien,
die nach dem Zufall ausgewählt miteinander verglichen wurden)
Therapievergleichstudien deutlich positivere Behandlungsverläufe
und überzeugendere Therapieerfolge gegenüber den konventionellen
verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologischen Ansätzen
gezeigt. Der Wirksamkeitsnachweis ist für die DBT durch
unterschiedliche Studien vor allem für das Problemverhalten
als Zielgröße, z.B. "suizidales" und "selbstverletzendes
Verhalten" aber auch "hospitalisationsförderndes
Verhalten" erbracht worden (siehe Linehan et al. 1999,
1998; Bohus, Martin et al. 1996). Die Überlegenheit bzgl.
der sozialen und beruflichen Integration sowie der Hospitalisierungsdauer
war auch ein Jahr nach Abschluss der Therapie noch nachweisbar
(zusammenfassend Bohus et al. 1996; Linehan et al. 1993; kritisch
dazu Dammann et al., 2000).
Die in ihren Ausprägungen fließende Gruppe der BPS
mit vielfachen selbstverletztenden und primär nicht final
angelegten suizidalen Handlungen (Parasuizidalität) zeigt
nach Linehan folgende Verhaltensmuster, die für sich genommen
Zielvariablen des DBT-Konzepts sind:
- Emotionale Vulnerabilität, (emotionale Dysregulation)
- Negation des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns
- Unvermeidliche Krisen
- Blockierung von Trauer
- Aktive Passivität
- Pseudokompetenz
Nach Linehan steht bei BPS die Störung der Emotionsregulation
im Vordergrund. Gleichzeitig können neurobiologische Vulnerabilitäten,
frühe traumatische Erlebnisse und ein in der frühen
Entwicklungsphase invalidierendes psychosoziales Umfeld zur
Ausgestaltung einer komplexen emotionalen Dysregulation mit
dysfunktionaler Grundannahmen und Handlungsfolgen vorhanden
sein. Bei Borderlinestörungen kann eine
- in der Intensität überhöhte, wenig differenzierte
und verzögert wieder abklingende Ansprechbarkeit (Hyperarousel)
auf vor allem negative emotionale Stimuli gepaart mit
- einer vornehmlich psychosozial bedingten Störung der
Kommunikation (unzureichende Verbalisierung, Klärung
interpersoneller Interaktionen), mit
- dem permanenten Gefühl der differenzierten und undifferenzierten
Bedrohung und
- mit der Befürchtung vor Kontrollverlust und gesteigerter
Anspannung beobachtet werden.
Diese emotionale Instabilität mit erhöhter Dekompensationsbereitschaft
und Ressourcenverengung führt - zumeist psychosozial ausgelöst
- in unterschiedlicher Ausprägung zu undifferenzierten,
für die Patienten unerträglichen, exzessiven emotionalen
Erregungszuständen, die wiederum von den Patienten nur
- negativ verstärkt - durch Selbstverletzung unterbrochen
werden können. Diese emotionale Dysregulation bestimmt
vielschichtig die zumeist chaotische Beziehungsgestaltung des
an einer Borderlinestörung leidenden Patienten zu sich
und zu anderen Menschen. Die DBT der Patienten mit einer BPS
zeigt nun folgende markante Vorteile der DBT gegenüber
anderen etablierten Therapien:
- Die Frequenz von selbstverletzendem Verhalten nimmt deutlich
ab
- Die Häufigkeit von Therapieabbrüchen und Therapeutenwechseln
wird reduziert
- Die Anzahl der stationären Behandlungstage pro Jahr
verringert sich
- Die Behandlungskosten pro PatientIn und Jahr sind geringer
Die dialektisch-behaviorale Therapie, die konzeptuell auf die
Aufarbeitung spezifischer Defizite von wichtigen Basisfertigkeiten
bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen abzielt, ist
eine Modifizierung verschiedener Behandlungsmethoden der Verhaltenstherapie.
Ein Verhaltenstherapeut oder -therapeutin muss hierzu eine spezifische
therapeutische Zusatzausbildung absolvieren, da in der Verhaltenstherapieausbildung
selber keine vertiefte Vermittlung dieses komplexen Störungsbildes
und dessen Behandlung stattfindet. Entsprechende Ausbildungsangebote
finden sich unter untenstehenden Weblink des Deutschen
DBT-Dachverbandes.
Literatur:
Bohus, M. und Berger, M. (1996). Die dialektisch-behaviorale
Psychotherapie nach M. Linehan. Ein neues Konzept zur Behandlung
von Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Nervenarzt,
67, 911?923.
Dammann, G., Clarkin, J. F. & Kächele, H. (2000).
Psychotherapieforschung und Borderline-Störung: Resultate
und Probleme. In O. F. Kernberg, B. Dulz & U. Sachsse
(Hrsg.), Handbuch der Borderline-Störungen (S. 701-730).
Stuttgart: Schattauer.