Da Jungen später in die Pubertät eintreten, sind
sie dann schon etwas reifer als Mädchen und deshalb weniger
anfällig für Essstörungen.
Magersucht tritt bei Mädchen häufiger auf, weil der
Wert einer Frau in unserer Gesellschaft (immer noch oder wieder)
stark über das Äußere definiert wird. Vor allem
scheint das weibliche Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl
stärker von äußerlicher Attraktivität abzuhängen
als bei Jungen. Inzwischen hat sich aber zunehmend diese Tatsache
verändert. Immer mehr perfekt aussehende Männerkörper
mit wohlgeformten Bizeps und Waschbrettbauch zieren Werbeanzeigen
und Fernsehspots, so dass es auch nicht verwundert, dass immer
mehr Männer eine Schlankheitsdiät unternommen haben.
(Eine Umfrage 1989 ergab, dass dies bereits jeder vierte Mann
unternahm.)
Eine Frau, die sexuell begehrt werden möchte, signalisiert
dies vor allem mit ihrem Körper. Männer haben andere
Möglichkeiten, dies auszudrücken.
Mädchen leiden eher unter Mangel an Aufmerksamkeit und
Zuwendung als Jungen. Untersuchungen an Müttern ergaben,
dass weibliche weinende Säuglinge eher mit Essen, männliche
weinende Säuglinge eher mit anderen Zuwendungen beruhigt
wurden. Eine weitere Annahme ist, dass Jungen den Mangel von
Fürsorge und Aufmerksamkeit eher durch Aggression nach
außen verarbeiten. So reagieren Mädchen eher mit
Essstörungen als Jungen.
Die traditionelle Frauenrolle führt dazu, dass Mädchen
häufig dem vermeintlichen Familienglück geopfert werden.
Bei Jungen ist dies weniger der Fall. Autonomie zu entwickeln,
war Jungen schon immer mehr vergönnt, selbst in einer sehr
belasteten Familie. So müssen sich Mädchen eher "heimlich"
über eine Essstörung abgrenzen als Jungen, die sich
direkter abgrenzen dürfen. Und die Töchter sind eher
bereit, auf Entwicklung ihrer Autonomie zu verzichten.
Wenn ein Junge an einer Essstörung erkrankt, sind Verunsicherung
des Selbstbewusstseins, hoher Leistungsdruck und Versagensängste
der Grund. Weiterhin spielt der Vater eine besondere Rolle.
Ist er nicht verfügbar, gelingt das Hineinwachsen in die
erwachsene Rolle unzureichend, was durch eine überfürsorgliche
oder klammernde Mutter noch mehr erschwert wird. Und ein überstrenger
Vater kann zuviel Leistungsdruck erzeugen, dass nur noch die
Flucht in die Essstörung möglich ist.
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