a) Warum tritt Magersucht oft zum
ersten Mal in der Pubertät auf?
b) Was hat die Suche nach Identität
mit dieser Krankheit zu tun?
c) Was läuft in der Entwicklung
der Betroffenen falsch?
d) Welche gesellschaftliche Zwänge
spielen eine Rolle?
a) Warum tritt Magersucht oft zum ersten
Mal in der Pubertät auf?
Die Magersucht entsteht bei Eintritt der Pubertät,
weil die Schwelle zum Erwachsenwerden vor allem mit großen
körperlichen Veränderungen einhergeht, die durch Hungern
unterdrückt werden sollen. Niemand soll sehen, dass die
Betreffende einen Busen oder breitere Hüften bekommen hat.
Ein knabenhafter, kindlich gebliebener, also nicht weiblicher
Körper wird als Ideal angestrebt.
Sheila MacLeod, eine ehemals Magersüchtige, hat ihre Krankheit
und Heilung in ihrem Buch "Hungern - meine einzige Waffe"
sehr anschaulich beschrieben. Ihr eigentliches Dilemma, aus
dem sich ihr kein Ausweg zu öffnen schien, erkannte sie
in einem Buch von Thomas Szasz, einem amerikanischen Psychiater,
wieder. Sheila MacLeod fragte sich, warum gerade Magersüchtige
diese besondere Art der "Rebellion" wählten,
warum sie auf diese Weise Autonomie anstrebten. Die Antwort
bei Thomas Szasz lautete, dass Magersucht kein psychisches sondern
ein politisches Problem sei. Die Magersucht ist nach Szasz Ausdruck
eines Ringens zwischen dem Individuum und anderen Personen,
die Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen.
Szasz fragt provozierend: "Wem gehört der Körper
eines Menschen? Gehört er seinen Eltern, wie das weitgehend
der Fall war, als er ein Kind war? Oder gehört er dem Staat?
Oder dem Staatsoberhaupt? Oder Gott? Oder schließlich
und endlich ihm selbst?" (MacLeod S. 85). MacLeoad dazu:
"Ich hatte nichts. Ich war nichts. Positiver ausgedrückt
erhielt ich das, was ich nicht wollte (was dem gleichkam, dass
ich nichts erhielt), und wurde als die eingeschätzt, die
ich nichts war (was dem gleichkam, als Nichts eingeschätzt
zu werden). Meine einzige Waffe in dem Streben nach Autonomie
war der Streik. [
] Der Körper [
] war das einzige
was ich besaß, das einzige, was mir nicht genommen werden
konnte."
b) Was hat die Suche nach Identität
mit dieser Krankheit zu tun?
Die magersüchtigen Mädchen sind in ihrem Selbstkonzept
sehr unsicher und leiden an ausgeprägten Selbstwertproblemen,
die sie oft (nur) mit übersteigerter Leistungsbereitschaft
kompensieren können. Sie orientieren sich an Äußerlichkeiten
wie Figur und Leistungen, an denen sie ausschließlich
Halt finden, weil sie im Inneren ohne eigentliche Substanz und
Struktur sind und insgesamt eine leere Hülle darstellen.
Ziel einer Therapie ist, diese Patientinnen mit sich und ihren
Bedürfnissen in Kontakt zu bringen, mit ihnen alternative
Verhaltensweisen zu erarbeiten, wie sie selbstsicherer werden,
ihr Selbstwertgefühl (wieder)erlangen und ein echtes eigenes
Lebensziel, eigene Interessen, Selbstbestimmung erlangen können.
Mit anderen Worten geht es darum, eine autonome Persönlichkeit
zu werden.
c) Was läuft in der Entwicklung der
Betroffenen falsch?
Innerhalb der Familien mit Essgestörten finden sich Verstrickungen
und ungeklärte Beziehungen zueinander. Viele dieser Mädchen
können sich nicht der Kontrolle und Bedürfnisse ihrer
Mütter oder Väter entziehen. Sie wagen es nicht, sich
abzulösen, sich weiter zu entwickeln und unabhängig
zu werden. Der Grund ist, dass sie spüren, dies würde
gegen die Familienregeln verstoßen und als "Verrat"
angesehen. Eine allmähliche Ablösung von Mutter oder
Vater wird oft mit großen Schuldgefühlen erlebt.
Stattdessen zeigen sie sich überangepasst und brav und
rebellieren heimlich durch Hungern und Essensverweigerung. Daneben
bestehen ausgeprägte Kontaktstörungen vor allem zu
Gleichaltrigen und zunehmende Isolierung mit Fortschreiten der
Krankheit.
In vielen Familien mit Essgestörten sind Beziehungsprobleme
zwischen Vater und Mutter ebenfalls der Grund, warum die Tochter
krank wird. Das Symptom der Essstörung schweißt die
Eltern zusammen und zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich.
Die Eltern müssen sich nicht mehr aufeinander beziehen
und die Probleme ihrer Beziehung lösen, sondern verbünden
sich in ihrer gemeinsamen Sorge um ihre kranke Tochter. Damit
hat diese erreicht, dass die Familie nicht auseinander bricht.
Statt Klärung entsteht Konfusion, jeder fühlt sich
für die Probleme des anderen verantwortlich, ohne sich
auf seine zu konzentrieren.
In Familien von Magersüchtigen fehlen an entscheidenden
Stellen die notwendigen Grenzen und es herrscht ein eindringliches
Familienklima. Beispielsweise kann sich durch Mangel an Rückzugsmöglichkeit
(keine Türe im Hause lässt sich abschließen)
ein ausreichendes Gefühl von Ungestörtheit und Identität
nicht entwickeln. Magersüchtige empfinden ihr Zuhause deshalb
oft als einen Ort, an dem ihre Handlungen und Gedanken von allen
Familienmitgliedern beobachtet werden. Es entsteht das Gefühl,
dass die eigenen Gedanken und Gefühle den anderen ebenso
gehören wie der Magersüchtigen selbst. Außerdem
fehlt oft von Zuhause aus die Zustimmung, sich an einer Jugendsubkultur
zu beteiligen und auf diese (spielerische) Weise erste unabhängige
Identifizierungen zu ermöglichen. Die Familie steht an
erster Stelle, andere soziale Aktivitäten sind unerwünscht.
Auch Grenzüberschreitungen von unangemessener Nähe
bis hin zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt
können zu Magersucht führen. Ein Beispiel für
unangemessene Nähe wäre es, wenn der Vater die Tochter
wiederholt zu heftig und leidenschaftlich umarmt, so dass sich
die Tochter als "heimliche Geliebte" des Vaters empfindet.
In anderen Fällen werden Scham- und persönliche Grenzen
übertreten, zum Beispiel indem der Vater nackt das Badezimmer
betritt, in welchem die Tochter duscht und dies als völlig
normal hingestellt wird.
In Familien mit Essstörungen findet man häufig eine
weitere Übertretung von Grenzen, nämlich die Missachtung
von Generationenschranken, wenn Mutter und Tochter zu "Freundinnen"
werden. Die Mutter macht sich jünger als sie eigentlich
ist, weil sie mit der Tochter mithalten möchte. Umgekehrt
bespricht die Mutter ihre Partnerprobleme bis hin zu ihren Sexualproblemen
mit ihrer heranwachsenden Tochter, die sie damit überfordert.
d) Welche gesellschaftliche Zwänge
spielen eine Rolle?
In der Öffentlichkeit nimmt das Schlankheitsideal tatsächlich
immer absurdere Ausmaße an. Models werden immer dünner,
kränker und durchgedrehter. Trotzdem sind Verhältnisse
innerhalb der Familie die wichtigste Ursache für Magersüchtigkeit.
"Die Familie", sagt der Familientherapeut Salvador
Minuchin, "ist Nährboden für das Identitätsgefühl
ihrer Mitglieder." Die Kleinfamilie stellt den günstigsten
Nährboden für Magersucht dar. Sie ist abgeschlossen,
kreist um sich selbst und ist eine eigene Welt. Die Eltern schreiben
ihren Kindern oft Rollen und Eigenschaften zu. Zu unausweichlichen
Problemen kommt es, wenn sich die Kinder mit diesen Zuschreibungen
nicht identifizieren können. Welche Macht diese Festlegungen
oder Botschaften haben können, wie zerstörerisch solche
Festlegungen geradezu sein können, zeigt sich immer wieder
bei Betrachtung vieler Fallgeschichten, bei der Betroffene an
Magersucht erkrankt waren. Die Magersüchtigen bekamen in
der Familie eine Rolle zugedacht und mussten diese spielen,
das ganze Leben die gleiche Rolle.
Oder wie in einer Illustrierten zu lesen war: "Die Schönheitsdiktatur
der Wohlstandsgesellschaft und Konsumkultur - wie sie sich auch
im Ende der achtziger Jahre beginnenden Kult um die allgegenwärtigen
Supermodels abzeichnet - muss mit Nebenwirkungen leben. Kollektive
Dysmorphophobie (psychische Störung, bei der Betroffene
befürchten, durch einen Defekt, der für andere entweder
überhaupt nicht oder lediglich minimal erkennbar ist, stark
entstellt zu sein) wird zur Massenpsychose. Der neue Frauentyp
ist durchtrainiert und schlank. Kein Bauchansatz wölbt
sich in der perfekten Silhouette. Die Brüste sind hoch
und fest. In der athletischen Power-Frau realisiert sich das
ästhetische Ideal des pubertierenden Mädchens, wiederholt
sich das knisternde Rollenspiel der jungen Frau in Männerkleidern.
Jetzt steckt sie im männlichen Körper, zeigt stolz
ihre Muskeln. Mit immer neuen Diätversuchen und gezügeltem
Essverhalten wird versucht, das Schlankheitsideal, das mit Attraktivität
und Erfolgreich- sein gleichgesetzt wird, zu erreichen. Dieses
ständig zwanghaft kontrollierte Essverhalten führt
in vielen Fällen zu klinischen Essstörungen. Mit der
Störung des Körperbildes geht der Verlust der Fähigkeit
einher, Körperreize wahrzunehmen und das darauffolgende
Versagen beim Deuten von Hunger. Die Störung des Körperbildes
geht soweit, dass sie zur völligen Nichtbeachtung der schweren
Abmagerung führt, die als ein vollkommen normaler Zustand
betrachtet wird. Die Magersuchtpatientin identifiziert sich
mit ihrem skeletthaften Erscheinungsbild und verleugnet, dass
mit ihrer Figur etwas nicht in Ordnung sein könnte. Die
Störung des Körperbildes geht soweit, dass Selbst-
und Fremdeinschätzungen völlig auseinander klaffen.
Patientinnen schätzen sich dick und aufgedunsen ein, während
sie mehr und mehr abmagern."
In den westlichen Industriegesellschaften ist das Streben nach
Schönheit, Schlankheit und Erfolg immer wichtiger und geht
leider oft auf Kosten der zwischenmenschlichen Kontakte, die
ebenfalls nur unter dem Leistungs- und Erfolgsaspekt gesehen
werden. Hier steht die Frage in Vordergrund, was bringt mir
dieser Mensch, und umgekehrt, was kann ich ihm bieten. Was auf
der Strecke bleibt, sind menschliche Werte, die weniger mit
Erfolgs- und Leistungskriterien messbar sind. Die Thematik des
Wertens und des Selbstwertes wird in der Psychologie narzisstisch
genannt. Der Begriff leitet sich aus der griechischen Mythologie
ab, in der sich Narziss in sein eigenes Spiegelbild unglücklich
verliebt. Narzisstische Menschen verzehren sich immerzu, ähnlich
dem unglücklichen Narziss, ihrem Idealbild möglichst
nahe zu kommen. Sie haben das Bedürfnis, ständig im
Mittelpunkt zu stehen, für ihre Leistungen und Erfolge
gelobt zu werden und Streben unentwegt nach immer mehr, ohne
Erfüllung und Zufriedenheit zu erlangen. Magersucht und
andere Essstörungen sind Zeitkrankheiten, die mit der Zunahme
von narzisstischen Strukturen in der Gesellschaft ebenfalls
zugenommen haben. Das Streben innerhalb der Gesellschaft nach
unbegrenztem Wachstum, Reichtum und Erfolg hat sich auch auf
die individuelle Entwicklung übertragen. Nie gab es so
viele Suchtkranke wie heute, wie auch die süchtigen Esserkrankungen,
die sich in ihren grenzenlosen Ansprüchen verlieren, statt
sich zu finden. Ein wesentliches Merkmal von Sucht ist Kontrollverlust.
Bei der Magersucht besteht die Unfähigkeit mit dem Hungern
und Abnehmen aufzuhören, bei der Bulimie sind es das zwanghafte
Überessen und Entleeren.