Die Gründe für die Entstehung von Magersucht und
anderen Essstörungen, wie Bulimie oder binge eating liegen
innerhalb der Familie!
Diese Behauptung wird meist von den Eltern zunächst empört
zurückgewiesen, da schließlich die Essgestörte
die einzige offensichtlich Kranke ist. Es geht mir auch auf
keinen Fall darum nur den Eltern die alleinige Schuld zu geben,
auch wenn meine skizzierte Darstellung einiger Gründe für
Essstörungen oft einseitig die Fehler auf Seiten der Eltern
aufzeigt. Die Eltern-Generation ist ihrerseits durch die Fehler
der Großeltern-Generation geprägt, so dass sich Eltern
nur begrenzt weiter entwickeln konnten. Eigene Verletzungen,
Beschämungen, übertriebene Verbote und emotionale
Defizite begrenzen ihr Verhalten als Eltern. Auch wenn sie anders
als ihre Eltern reagieren wollten, stoßen sie bei sich
auch auf Grenzen, auch wenn sie es nie wollten. Deshalb sollte
die Genesung der Tochter nicht mit dem Selbstwert- und Schuldgefühlen
der Eltern verknüpft werden in dem Sinne: Nur wenn du gesund
wirst, geht es uns wieder gut.
Eine Familie besteht aus einzelnen Familienmitgliedern und
bildet ein System, in welchem jeder bestimmte Rollen übernimmt,
die Funktionen für die Familie haben. Das Zusammenleben
der Familie ist durch Regeln geordnet. In manchen Familien werden
diese Regeln klar benannt, und es besteht die Möglichkeit,
darüber zu verhandeln und diese ggf. zu verändern.
Es gibt aber auch Familien, in denen Regeln nicht ausgesprochen
werden, trotzdem als selbstverständlich und sogar als unhinterfragbar
innerhalb der Familie betrachtet werden. Einige Regeln stammen
sogar aus den Generationen davor. Ein Beispiel einer solchen
Familienregel könnte lauten: Kinder haben sich immer den
Eltern unterzuordnen. Konzepte aus Familientherapie, und -forschung
unterscheiden sowohl entwicklungsfördernde (unterstützende)
als auch entwicklungshemmende (dysfunktionale) Regeln in Familien.
Diese Sichtweise, die sowohl die verschiedenen Generationen
als auch die Beziehungsmuster innerhalb der Gruppe, sprich Familie,
betrachtet wird in der Psychologie systemisch genannt.
Aus systemischer Sicht ist die magersüchtige Person, die
das Symptom entwickelt, nicht alleine krank, sondern die Regeln
in dieser Familie sind entwicklungshemmend oder dysfunktional.
Was sind dysfunktionale, was funktionale Systeme?
In dysfunktionalen Systemen wird - auf Kosten der eigenen
Entwicklung - eine zu hohe Unterordnung und Anpassung gefordert,
welche die Entwicklung einer autonomen Persönlichkeit verhindert.
Die Selbstwerdung wird durch die Familienregeln eingeschränkt.
Anderssein wird bestraft, Gleichsein belohnt. Dies bezieht sich
auch auf die Wahrnehmung eigener Gefühle und Bedürfnisse,
die den Vorstellungen der Familie entsprechen sollen. Auf die
Bedürfnisse und Gefühle des Kindes wird weniger eingegangen,
stattdessen werden diese ignoriert, abgewertet oder bleiben
unbeantwortet. So können Magersüchtige und andere
Essgestörte nur sehr unzureichend eigene Gefühle und
Bedürfnisse wahrnehmen und nehmen nur ein diffuses Unwohlsein
oder Hunger wahr, ohne Zusammenhang zu einem bestimmten Gefühl
oder einem speziellen Wunsch. Vor allem Bedürfnisse nach
Nähe, Schutz, Unterstützung, liebevoller Zuwendung
sowie Bestätigung und Verständnis bleiben unbeantwortet.
Die Betroffenen haben nie gelernt, mit welchem Verhalten sie
ihre emotionalen und sozialen Bedürfnisse befriedigen und
sich Wohlbefinden verschaffen können. In dysfunktionalen
Familiensystemen wird mehr Wert auf Fügsamkeit und Unterwerfung
als auf Eigenständigkeit und Selbstsicherheit gelegt. So
entsteht ein nach außen hin angepasstes Verhaltensmuster,
das aber losgelöst von der eigenen Person besteht.
Weiterhin herrscht in vielen dysfunktionalen Familien die unausgesprochene
Stimmung, die der Essgestörten suggeriert: Egal, was du
machst, du wirst es mir nie recht machen. Dies hat zur Folge,
dass die Töchter das Gefühl haben: Ich kann machen
was ich will, es ist nie genug, nie richtig. Ich bin Schuld,
dass es den Eltern schlecht geht, dass sie unzufrieden mit mir
sind, nur weil ich das Richtige nicht tue. Zurückbleibt
das anhaltende Gefühl von Minderwertigkeit, nichts zu können
und nutzlos zu sein. Dies wird mit noch mehr Anstrengung versucht
zu überwinden, um aber wieder erneut zu scheitern, weil
das Scheitern programmiert ist.
Dieses Unvermögen der Eltern, nie mit den Töchtern
zufrieden zu sein, hat wiederum mit den Bedürfnissen der
Eltern zu tun. So ist z.B. eine Mutter einer Magersüchtigen
als Erwachsene im Grunde unsicher, unzufrieden, einsam oder
sogar unglücklich, weil auch ihre Weiterentwicklung von
Zuhause nicht erwünscht war. So kann die Mutter es auch
nicht ertragen, dass ihre - oft auch sehr hübsche - Tochter
zur Frau, sprich Konkurrentin, heranreift. Dies bleibt jedoch
unausgesprochen, Mutter und Tochter verstehen sich sogar so
gut, wie richtige Freundinnen, aber eben nicht wie Mutter und
Tochter. Die Mutter wiederholt das, was sie selbst als Tochter
bei ihrer Mutter erlebt hat, die sie ihrerseits an der Schwelle
zum Erwachsenwerden nicht in ihrer Selbstwerdung unterstützt
hat und neben sich als Erwachsene dulden wollte. Die Magersüchtige
wagt nicht, sich diese Problematik klar bewusst zu machen, weil
dies zu Konflikten mit der Mutter führen würde und
reagiert auf diese Situation mit Entwicklungsstillstand, den
sie durch Hungern und damit Herunterfahren der Hormone erreicht.
Mit Vermeiden des Konflikts wird zusätzlich ein Zustand
vermeintlicher Autonomie erreicht, die in der Kontrolle ihres
Körpers besteht. Die Flucht in die Magersucht ist ein Weg
sich eine eigene Nische zu schaffen, doch autonom zu sein, wo
sich kein anderer einmischen kann und gleichzeitig auch die
Möglichkeit gegen die Anweisung zu protestieren: Du kannst
es mir nicht Recht machen.
Die Töchter spüren die große Leere, Wut, Enttäuschung
oder Traurigkeit hinter der Fassade und schrecken vor dem Schritt
ins Erwachsenwerden zurück, da kein erstrebenswertes Ziel
in Aussicht zu sein scheint. So sind die vorgelebten Verhaltensmodelle
des Erwachsenenlebens entweder abschreckend oder scheinbar unerreichbar.
In funktionalen Systemen lernen die Kinder, ihre Bedürfnisse
zu benennen und angemessen auf sie zu reagieren. Es gelingt
ihnen erfolgreich die Unterscheidung, ob sie Hunger haben oder
ob ihr Unwohlsein anderen Bedürfnissen entspricht. So werden
sie als Erwachsene, im Gegensatz zu essgestörten Frauen,
bei Einsamkeit nicht essen, sondern versuchen, Kontakte aufzunehmen,
um ihre emotionalen Bedürfnisse zu stillen. Frustrationssituationen
werden nicht zur Folge haben, dass sie sich als minderwertig
erleben oder das Gefühl entwickeln, dass sie oder ihre
Wünsche nicht in Ordnung seien. Dass Wünsche nicht
erfüllt werden, löst in ihnen vorübergehende
Traurigkeit und Enttäuschung aus, die aber wieder vorbei
gehen und nicht in anhaltende Gefühle von Verlassenheit
und Minderwertigkeit münden. In funktionalen Systemen können
die Grundbedürfnisse nach Kontakt, Zuneigung, menschlicher
Wärme, Wohlbefinden, Schutz, Sicherheit, Akzeptanz unterstützt,
ausreichend befriedigt werden, so dass damit eine wichtige Basis
zur Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls gelegt
ist. In funktionalen Systemen sind die Beziehungen zu Menschen
von Achtung getragen und nicht von Unterwerfung oder übertriebener
Bewunderung. Menschen, die unter diesen Bedingungen aufwuchsen,
sind konfliktfähig und können notwendige Auseinandersetzungen
und Abgrenzungen durchführen, ohne sich selber dabei aufzugeben
und ohne den anderen zu überrennen.
In Familien, die diese Entwicklungen fördern, wird die
physische, psychische und sexuelle Grenze des Kindes respektiert,
ihm werden zugleich eigene Räume zugestanden. Damit lernt
es, eigene und die Grenzen anderer Menschen zu achten. Es verinnerlicht
das Gefühl, so wie ich bin, bin ich in Ordnung, meine Gefühle
und Bedürfnisse sind berechtigt und werden ernst genommen.
Ich muss nicht perfekt sein, um geliebt zu werden, sondern darf
Fehler machen, um und aus ihnen zu lernen. In funktionalen Familien
lebt keiner auf Kosten des anderen. Die Eltern können für
ihre eigenen Bedürfnisse sorgen und erwarten nicht von
ihren Kindern, dass diese ihre Probleme lösen. Die Grenzen
sind klar aber auch nicht starr und unbeweglich. In funktionalen
Familien lernen Kinder bedingungslose Liebe kennen, im Gegensatz
zu Familien vieler Essgestörten, für die Liebe bedeutet:
Sei so, wie ich dich haben möchte. Das bedeutet aber, Liebe
und Zuwendung nur durch Anpassung und Selbstverleugnung bekommen
zu können, was in der nächsten Beziehung gleichfalls
nur wiederholt werden kann.